Heimlich unterwegs… Auf den Spuren der Wildtiere

Heimlich unterwegs… Auf den Spuren der Wildtiere

Wildtierkunde in der U-Bahn

Zwei junge Frauen zeigen sich etwas knitterige Bleistiftzeichnungen. Ihre Schuhe sind klobig und ihre Knie sind dreckig. Wahrscheinlich kommen sie gerade aus dem Berliner Wald oder aus einer der Berliner Waldschulen...

Guck mal, ist diese Spur von einem Damhirsch, einem Reh oder doch von einem Mufflon?

Ich glaube, die Mufflons gibt es nur in Wannsee. Und Damhirsche leben doch nur im Spandauer und Tegeler Forst, aber genau weiß ich es nicht.

Oder schau mal diese Spur hier, was denkst du, war das ein Biber oder doch dieses vegetarische Nagetier aus Südamerika? Wie heißt das nochmal?

Du meinst ein Nutria. Das könnte sein. Wusstest du, hier in Schöneberg da gibt es jetzt Gottesanbeterinnen!

Echt jetzt? Ich glaub mich knutscht ein Elch!

Ja wirklich! Und einen Elch gibt es übrigens auch! Der lebt nicht weit von hier in Brandenburg und er heißt Bert. Er ist aus Polen über die Oder geschwommen. Ach guck mal, ich habe hier ein cooles Video von einem Steinmarder vom Mariannenplatz.

Welcher Waldbewohner ist hier wohl langestapft?
Klick hier, dann findest du es heraus.

Da habe ich gestaunt über so viel Wildtierkunde in der U-Bahn am Kleistpark. Denn den meisten Menschen, sogar ausgeprägten Naturfreunden, ist oft nicht bewusst, wie viele verschiedene Wildtiere tagtäglich in ihrem Kiez unterwegs sind – einfach, weil diese sich so selten sehen lassen.

Dabei sind unsere wilden Nachbarn manchmal ganz nah. Gestern war ich bei einer Teamsitzung in einem Haus in der Nähe vom Rathaus Steglitz. Ich saß drinnen am Tisch und im Garten schlief eingerollt ein Fuchs. Draußen stürmte es, die Äste bogen sich, aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er rollte seinen Schwanz um seinen Körper wie eine Decke, steckte seine Schnauze in sein flauschiges rotes Fell und schlief ein. Solche Beobachtungen mag ich sehr. Ganz zufällig und mit viel Glück, bekommt man einen Einblick in das Leben eines wilden Tieres. Es ist wie ein kleines Fenster in eine Welt, zu der wir Menschen früher auch einmal gehörten. Doch sie sind selten, solche Beobachtungen.

Kleiner Tipp: Falls ihr euch auch selber auf Tierspurensuche begeben möchtet, schaut euch doch mal diese Veranstaltung an.


Heimlich unterwegs sein – gar nicht so einfach!

Den Tieren nahe zu kommen, ist gar nicht so einfach. Wir Menschen können furchteinflößend sein. Für Wildtiere sind wir häufig zu laut und etwas zu schnell unterwegs. Mit ihren wachsamen und fein trainierten Sinnen, nehmen sie uns wahr, bevor wir überhaupt da sind.

Auf einem Spaziergang durch den Grunewald suche ich mir einen kleinen Trampelpfad. Der Hauptweg ist gerade mal einen Meter hinter mir, da geht der „Buschfunk“ an.  Die Amsel hat mich entdeckt und beendet ihren Gesang. Ihr bin ihr zu nahegekommen. Noch einen Schritt weiter und da macht sie ihren lauten kurzen Ruf: „Tix“. Das hören die Ringeltauben, die 20 Meter weiter am Boden nach Nahrung suchen. Sie fliegen auf, mit extra lautem Flügelklatschen. Na toll! Spätestens jetzt weiß jedes Reh und jeder Hase im Umkreis: Ich habe den Waldweg verlassen! Die anderen wilden Tiere verkrümeln sich heimlich und unerkannt oder tarnen sich gekonnt in den Farben der Natur. Ich komme mir etwas trampelig vor, wenn ich mir vorstelle an wem ich heute wohl schon alles vorbeigelaufen bin und wer mich heimlich aus seinem Versteck heraus beobachtet hat. Ich glaube, meine Sinne sind etwas eingeschlafen und ich bekomme viel zu wenig mit.

Wenn ich die Tiere selbst schon nicht treffe, finde ich vielleicht zumindest ihre Spuren… Aber wo und wie fange ich an mit der Spurensuche?

Eine Wildtierkamera aus der Waldschule, Zeichenblock, Bleistift und Zollstock habe ich im Gepäck. Aber wo hänge ich die Kamera am besten auf? Wo könnte ich die wilden Tiere und ihre Spuren finden? Um das herauszufinden, musste ich für mich erstmal eine uralte Technik des Menschen wiederbeleben – das Fährtenlesen.

Vielleicht denkt ihr: „Fährtenlesen, das machen doch heutzutage nur noch Jäger*innen, wenn sie aus den Spuren im Boden darauf schließen, welche Tiere unterwegs waren.“ Da ist etwas Wahres dran.

Aber: „Auch Du bist zum Fährtenlesen geboren!“ hat mir Paul aus der Wildnisschule Hoher Fläming einmal in einem Fährtenleserkurs gesagt. Er meinte damit, wir Menschen und unsere nahen Verwandten waren bereits Millionen Jahre auf den Spuren der Wildtiere unterwegs. Diese uralte Fähigkeit, unsere Nahrung aufzuspüren und alles was wir dafür brauchen, ist tief in uns verankert. Aber das bringt mir als modernem Menschen in der Großstadt erstmal wenig, oder? Vielleicht hilft ein Blick in die Tierwelt.

Wie findet z. B. der Fuchs seine Nahrung? Ein Fuchs riecht, ob ein Tier in der Nähe ist. So wie viele andere Tiere nimmt er seine Beute durch Witterung wahr. Wenn der Duft eine leckere Mahlzeit verspricht oder von anderem Interesse ist, verfolgt der Fuchs die Duftspur am Boden, ähnlich wie ein Hai seine Beute im Wasser aufspürt.

Diese Duftnoten enthalten viele Informationen und so weiß der Fuchs genau, ob er eine Maus oder ein Reh verfolgt oder ob es vielleicht doch ein Spandauer Damhirsch ist, der eine Nummer zu groß für ihn wäre. Mit dieser Herangehensweise ist er nicht allein. Auch Wildschweine oder Eichhörnchen nutzen ihre Nasen, wohingegen Stechmücken z. B. mit Riechhaaren ausgestattet sind.

Hat eine sehr feine Nase!
Foto: Lutz Leitmann/CC BY-SA 4.0 DEED

Größerer Vorderfuß und kleinerer Hinterfuß vom Fuchs

Wir Menschen dagegen sind „Augentiere“ und haben nicht so viele Riechzellen in unserer Nase. Als Jäger*in ein Tier aufzuspüren ist für uns zwar möglich, das Tier aber wie ein Löwe zu jagen, gibt unser Körperbau nicht her. Wir sind einfach zu schlechte Sprinter. Evolutionär wurden wir vom Primaten zum Langstreckenläufer. Aufgrund unserer spärlicheren Körperbehaarung haben wir die Fähigkeit, zu schwitzen und somit unseren Körper abzukühlen. Das heißt, auf langen Laufstrecken waren unsere Vorfahren zwar immer noch verhältnismäßig langsam, dafür aber unaufhaltsame Verfolger im „Dauerlauf“. Die Beute musste irgendwann wegen drohender Überhitzung einfach stehen bleiben.

Diese Jagdmethode war allerdings nur erfolgreich, wenn man wusste, wohin die Tiere gelaufen sind. Wir Menschen mussten uns ein anderes – ein besonderes Talent zulegen. Vielleicht war es eine Primatenjägerin, mit besonders knurrendem Magen, die einen ersten genaueren Blick auf den Boden und die rätselhaften Muster darin geworfen hat. Mit der Zeit lernten die Menschen, die Fährten der Tiere zu unterscheiden, zu deuten und zu verfolgen. Denn am Ende einer jeden Spur ist ein Tier.

Wir sind also zum Fährtenlesen geboren. Das Suchen und Verfolgen von Spuren im Boden und sonstiger Zeichen, wie z. B. Losungen (Kot), Schlafplätzen, Haaren, Federn, Tierwohnungen und vielfältigen Fraßspuren wurde wahrscheinlich schon früh in der Menschheitsgeschichte eine unserer Hauptbeschäftigungen im Alltag. Und blieb es für viele Millionen Jahre. Überall wo wir waren, nahmen wir wachsam unsere Umwelt wahr und kannten uns selbst mit den Spuren und Zeichen der kleinsten Tiere aus.

Erst seit einem gefühlten Wimpernschlag in der Entwicklung der Menschheit leben wir nicht mehr ständig in und mit der Natur. Unser Leben hat sich, seitdem wir sesshaft wurden, so rasant in eine andere Richtung bewegt, dass manche unserer Talente und Sinne etwas verkümmert scheinen.

Unser Blick richtet sich nun öfter auf einen Bildschirm als in die Natur. Manchmal vergessen wir, dass wir auch zur Natur dazu gehören. Jane Goodall, die berühmte Primatenforscherin, untersuchte Schimpansen im Urwald und fand viele Gemeinsamkeiten zwischen uns und unseren nahen Verwandten. Sie sagt: “Wir sind Teil der übrigen Tierwelt und nicht von ihr getrennt.“

Wenn sich unsere Umwelt nun verändert, bekommen wir das heute überhaupt noch mit?

Den Alltag der frühen Fährtenleserkulturen stelle ich mir so vor: Ich bin ständig wachsam und auf der Suche nach Nahrung, Kleidung, Wasser und Schutz. Jeder in meiner Familie kann fährtenlesen, sammeln und jagen. Mit unseren Augen suchen wir Spuren im Sand. Wir sind tief verbunden mit der Natur. Wir verstehen die Alarmrufe der Vögel, wir spüren was der Wind für ein Wetter bringt. Wir kennen die essbaren und giftigen Pflanzen, nicht zu vergessen die Pilze. Wir wissen, dass die Vernetzung der Tiere mit allen anderen Lebewesen eine wichtige Bedeutung hat. Wir nehmen uns nicht aus. Wir sind selbst ein Tier und verwoben mit Allem. Wir sind Profis darin, in sekundenschnelle Muster im Boden zu erkennen und sie zu deuten. Die frischen Spuren eines großen Raubtieres zu entdecken, ist wichtig. Ihnen keine Beachtung zu schenken, wäre vielleicht tödlich. Genauso wichtig ist es, in der Gemeinschaft unterwegs zu sein. Jeder bringt sein Talent mit ein und viele Augen sehen mehr.

Guck mal hier, eine Spur! Was könnte sie uns verraten?


Wer war das?

Was hat das Tier hier gemacht?

Wie schnell war es?

Wie groß war es?

In welche Richtung ist es gegangen?


Wie alt war das Tier?

Waren es vielleicht mehrere Tiere?

Wo ist die nächste Spur?

Wo ist das Tier jetzt?

Wann war das Tier hier?

Schau hoch in die Landschaft! Vielleicht beobachtet es uns gerade. Stell dir vor, wie und wohin das Tier gelaufen ist. Sind dort drüben noch mehr Spuren zu sehen? Wenn nicht, welchen anderen Weg könnte es gelaufen sein? Haben sich unsere Vorfahren bei einer Spur, die sie im Boden gefunden haben, diese Fragen gestellt und konnten sie diese beantworten? Ich denke schon. Die Suche nach Nahrung bestimmte ihren Tag.

Wenn ich Hunger habe, gehe ich zum Kühlschrank oder vielleicht zum Imbiss am S-Bhf. Grunewald. Angst, dass ich dort einem Braunbären begegnen könnte, brauche ich nicht mehr zu haben und falls euch jetzt die Brandenburger Wölfe einfallen, die sind nur im Märchen gefährlich. Für mich gibt es also keinen Grund mehr, warum ich raus in die Natur und Fährtenlesen gehen sollte? Aber irgendetwas zieht mich doch hinaus. Wie ein Band mit dem ich unsichtbar verbunden bin. Neugierig auf die Natur um mich herum. Vielleicht ist es auch eine Art Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Wildnis oder die Suche nach einem Sinn als Mensch in dieser naturentfremdeten, aber dennoch coolen Stadt. Ich will wissen wer nachts um mein Haus schleicht und wer mit mir den Garten teilt. Ich bin neugierig, wer im Grunewald lebt und auf Menschen, die diese Fragen zu einer Spur noch beantworten könnten.

Es ist immer wieder aufregend, wenn ich tatsächlich mal ein Wildtier beobachten darf. Dann kann ich kurz dabei sein, wie es seiner Bestimmung nachgeht und sein wildes freies Leben lebt. Wenn ich aber einen Blick auf die Rote Liste der bedrohten Tier- aber auch Pflanzen- und Pilzarten werfe, werde ich richtig nervös.

Ein Blick aus der Vogelperspektive macht es sichtbar. Wir Menschen versiegeln immer mehr Flächen, entwässern die Landschaft und zerschneiden sie in immer kleinere Stücke. Die Wildtiere finden kaum noch Wege, auf denen sie wandern und ihre Gene austauschen können. Die Natur „verinselt“ und die kleinen Inseln sind nicht ausreichend miteinander verbunden. Das bedeutet, wir sind nicht nur verantwortlich für den Verlust der Artenvielfalt, sondern zudem für den Verlust von Vielfalt innerhalb einer Art.

Beobachtungen mit der Wildtierkamera

Unsere Verwandten – Tiere, Pflanzen und Pilze verschwinden. Aber wer bekommt das eigentlich mit? Wenn die Wildtiere so heimlich unter uns leben, wer bemerkt es, wenn ihre Spuren nicht mehr zu finden sind? Wer nimmt es wahr, wenn eine Wildbienenart nach der anderen ausstirbt oder Vogelgesänge verstummen? Es sind Namen wie Ziesel, Schwarzstirnwürger, Blauracke, Langflügelfledermaus, Gänsegeier und die Bayrische Kurzohrmaus, die man einfach vergisst oder noch nie gehört hat. Sie sind, wie so viele Arten in Deutschland, verschollen. Jede zweite Brutvogelart ist von Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste (Stand 2021). Stand 2017 sind in Berlin 150 Großschmetterlingsarten ausgestorben.

Mir wird klar, der Artenschutz braucht Fährtenleser*innen!

Naturbegeisterte Menschen, voller Neugier, denen die Natur von Bedeutung ist. Die rausgehen, eintauchen, sich „einwalden“ wie Baptiste Morizot sagt. Ausgestattet sind wir ja alle zum Fährtenlesen. Also ich gehe jetzt raus und schaue was die Mäuse machen. Vielleicht führen sie mich auf die Fährte vom Fuchs. Mein Sohn sagt, er kommt mit, denn der Fuchs hat seinen Schuh geklaut.

Heimliche Beobachtungen

Die folgenden Bilder sind mit Hilfe einer Wildtierkamera aufgenommen worden. Da es im Wald immer trockener geworden ist, hat die Waldschule eine Wald-Bar eröffnet, die sehr gut angenommen wird.

Tierbegegnungen am kleinen Teich – Frischlinge

Fuchs und Waschbär

Rausgehtipps:

  • Hat es geschneit oder geregnet? Gehe raus uns suche eine frische Fährte. Überlege, aus welcher Richtung das Tier kam. Gehe dem Tier nicht nach um es nicht zu stören. Gehe in die Richtung aus der das Tier kam und entdecke was es erlebt hat. Vielleicht findest du einen Schlafplatz und darin ein Haar?

  • Suche einen Fußabdruck im Boden. Breite Sandwege im Wald oder eine Sandstelle an einer Wasserstelle sind gut geeignet. Manchmal wirst du unerwartet an der nächsten Pfütze fündig. Suche nach Mustern und wenn du eine interessante Spur gefunden hast, fange an diese zu zeichnen. Es geht hier nicht darum ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern um genaues Hinsehen und Wahrnehmen. Zeichne die Spur größer, als sie in Wirklichkeit ist und messe die Maße wie Länge und Breite. Steh auf und wechsele die Perspektive. Frage dich, was fällt mir noch auf? Was habe ich bisher übersehen? Woran erinnert mich das Muster? Frage deine Freunde oder andere Spaziergänger was sie in der Spur sehen. In einem Buch über Tierspuren kannst du vielleicht herausfinden, wessen Spur du gefunden hast. Achte auf Schutzgebiete und darauf, die Rückzugsorte der Tiere zu respektieren.

Zum Schluss noch zwei Spurenrätsel

Dieses Tier hat lange Zehenballen, die wie Finger aussehen. Sie zeigen in alle Richtungen ähnlich einer Kinderhand. Wie viele Zehen könnt ihr
zählen? Auflösung hier.

Dieses Tier braucht scharfe und lange Krallen. Es hat einen großen Mittelhandballen. Erinnert er euch an etwas? Die Zehenballen sind nach vorne gerichtet.

Wenn euch jetzt auch die Lust auf’s Spurensuchen gepackt hat, haben wir noch einen Veranstaltungstipp für euch:

Fährtenlesen – Auf den Spuren der Wildtiere
Ort: Waldschule Zehlendorf
Samstag 27.04.2024, 11 – 15Uhr
Kosten: 2,50 € Kind | 5,- € Erwachsener | 10,- € Familie
Bitte mitbringen: wetterfeste Kleidung, Picknick, Neugier
Anmeldung erforderlich unter: zehlendorf@anmeldung-waldschule.de


Buchtipps:
Joscha Grolms: Tierspuren Europas
Morizot,Baptiste: Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen

Der Kiebitz – Vogel des Jahres 2024

Der Kiebitz – Vogel des Jahres 2024

Der Kiebitz (Vanellus vanellus) wurde nun schon zum zweiten Mal zum Vogel des Jahres gekürt. Das ist zunächst einmal tatsächlich eine traurige Neuigkeit. Meist erhalten Vögel diesen Titel, die selten werden und zum Beispiel besonders vom Lebensraumverlust durch den Menschen betroffen sind. Die Kiebitzbestände sind in den letzten Jahrzehnten um 88% zurückgegangen und die Art gilt als stark gefährdet.

Schillernder Sympathieträger

Auf den ersten Blick ist der Kiebitz schwarz-weiß gefärbt. Bei genauerem Hinsehen schimmern die dunklen Schwingfedern allerdings metallisch grün und violett. Unterhalb des Schwanzes ist er beige bis hellorange gefärbt und hat rötliche, relativ kurze Beine.

Vom schwarzen Schnabel aus zieht sich ein eleganter dunkler Streifen unter dem Auge entlang. Sowohl Männchen als auch Weibchen tragen einen tollen Federschmuck auf dem Kopf, die sogenannte „Federholle“, eine Haube aus zwei langen Federzipfeln. Bei den Weibchen ist diese allerdings meist nicht ganz so lang und die Brust oft eher gescheckt und nicht durchgängig schwarz. Mit etwa 30 Zentimetern sind Kiebitze ungefähr so groß wie eine Taube.

Foto: Dirk Vegelahn

Charakterstark! Das ist typisch für den Kiebitz…

Im Flug oder als Alarmruf lässt der Vogel ein lautes „kie-wit“ oder „wit-wit-wit“ erklingen. Diese charakteristischen Lautäußerungen haben dem Kiebitz übrigens zu seinem Namen verholfen. Auch der akrobatisch schaukelnde Flugstil während der Balz (so nennt man die Paarungszeit bei Vögeln) ist typisch für die Art. Deshalb wird der Kiebitz manchmal auch als „Tänzer der Lüfte“ bezeichnet.

Foto: Dirk Vegelahn

Die Balz beginnt bereits im März, wenn die Vögel wieder aus ihren Überwinterungsgebieten zurückkehren, welche in West- und Südwesteuropa und rund um das Mittelmeer liegen. Weil die Winter hier bei uns immer milder werden, ziehen allerdings gar nicht mehr alle Kiebitze in wärmere Regionen, sondern ein Teil der Population bleibt den Winter über hier. Deshalb gelten Kiebitze als Teilzieher.

Der Kiebitz mag offene Flächen mit niedrigem Bewuchs. Man findet ihn bevorzugt auf Moor- und Feuchtwiesen, aber auch auf Weiden und Äckern. Diese bieten das perfekte Nahrungsangebot und Brutmöglichkeiten. Kiebitze ernähren sich hauptsächlich von Insekten und ihren Larven sowie anderen Wirbellosen. Manchmal fressen sie dazu auch Samen und Früchte.

So beginnt ein Kiebitzleben

Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter: das Männchen macht mit seinem Brustkorb gleich mehrere Kuhlen (Nestmulden) in den Boden, von denen das Weibchen eine auswählt. In diese Kuhle legt sie 3-4 olivgrün-gesprenkelte Eier. Nach ungefähr 25 Tagen schlüpfen die kleinen, braun-beige gescheckten und flauschigen Küken, die sofort das Nest verlassen und mit ihren Eltern auf Futtersuche gehen. In den ersten Tagen müssen die Kleinen noch von den Eltern gewärmt werden, können sich aber schon selbstständig fortbewegen und Futter aufnehmen. Jungtiere, die sich so verhalten, nennt man übrigens auch Nestflüchter.

Foto: Thomas Herbig
Foto: Thomas Herbig

Nach 35 Tagen ist das Federkleid der Jungvögel vollständig ausgebildet und sie können endlich in die Lüfte abheben. Insgesamt 5 Wochen dauert es, bis die Jungen erwachsen (bei Vögeln nennt man das auch flügge) sind und keine Betreuung mehr brauchen.

Gefährdung durch den Menschen

Durch die zunehmend intensive Landwirtschaft und starken Pestizid- und Insektizideinsatz gehen die Flächen und auch das Nahrungsangebot, das ja weitestgehend aus Insekten besteht, dramatisch zurück! Die Vögel können nicht mehr ungestört und sicher brüten und finden weniger zu essen. Deshalb gibt es leider auch immer weniger Kiebitze. Davon sind auch andere Feldarten und Bodenbrüter betroffen, wie zum Beispiel die Feldlerche, das Rebhuhn oder die Wachtel.

Geholfen werden kann dem Kiebitz zum Beispiel durch die Einrichtung von unbewirtschafteten „Inseln“ auf den Ackerflächen oder die (Wieder)Vernässung von Grünlandflächen.

Foto: Dirk Vegelahn

Wenn ihr noch mehr wissen möchtet:

Steckbrief des Kiebitzes auf birding-germany.de
NABU – Der Kiebitz – Vogel des Jahres 1996 und 2024
Der Kiebitz – Brodorowski Fotografie
Möglichkeiten zum Schutz der Kiebitze (YouTube)

Das Moor – ein unheimlicher Ort?

Das Moor – ein unheimlicher Ort?

Das Teufelsseemoor – Ein Einblick in die Geschichte


Das Teufelsmoor in Berlin-Köpenick ist ein geschichtsträchtiges und zugleich mystisches Naturgebiet, das im Laufe der Zeit zahlreiche Geschichten und Legenden hervorgebracht hat.

Ursprünglich war das Moor ein sumpfiges Gebiet, das den Menschen aufgrund seiner undurchdringlichen Natur und düsteren Atmosphäre Angst einflößte. Es erhielt den Namen „Teufelsmoor“ aufgrund der Vorstellung, dass hier der Teufel höchstpersönlich sein Unwesen treibe.

Im 18. Jahrhundert begannen die Menschen, das Teufelsmoor zu entwässern und für landwirtschaftliche Zwecke zu nutzen. Diese Entwicklung markierte einen Wandel in der Geschichte des Moorgebiets, von einem düsteren Ort der Angst zu einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet. Trotz dieser Veränderungen bleiben die Geschichten und Legenden in der Folklore der Region lebendig.

Heutzutage ist das Teufelsmoor ein Naturschutzgebiet, das Besucher mit seiner einzigartigen Flora und Fauna anlockt. Seine Geschichte ist somit eine faszinierende Reise durch die Veränderungen in der Wahrnehmung und Nutzung eines einst düsteren und mysteriösen Ortes zu einem geschätzten Naturreservat in der Stadt Berlin.

Teufelsseemoor Köpenick

Das heutige Teufelsseemoor ist eine einzigartige Naturlandschaft, die durch vielfältige Besonderheiten beeindruckt. Es erstreckt sich über eine Fläche von etwa 6 Hektar.

Inmitten der moorigen Landschaft finden sich Torfmoos, Seggen und Wollgräser, aber auch seltene Pflanzen wie der Sonnentau prägen das Bild.

Wer die Augen offen hält, kann auch den Moorfrosch und die unter Schutz stehende Ringelnatter entdecken. Ebenso Vogelliebhaber können zahlreiche Arten sichten.

Der neue 300 m lange Holzsteg, der sich über das Teufelsseemoor erstreckt, ermöglicht es Besuchern, tief in diese Landschaft des Moores einzutauchen, ohne die empfindlichen Pflanzen und Lebensräume zu beeinträchtigen.

Ringelnatter
Wollgras (verblüht)

Als Folge von Wassermangel und damit einhergehende Verlandung des Moors finden sich bereits Birken und Kiefern an. Zur längerfristigen Erhaltung des Ökosystems wurden daher im Rahmen eines Umweltprogrammes der Berliner Forsten 2014/2015 einige Gehölze aus dem Moorboden entfernt.

Sonnentau – der grüne Beutefänger

Der Sonnentau (Drosera) zählt zu den fleischfressenden Pflanzen. Weltweit sind rund 200 Arten bekannt, hauptsächlich aus Australien, Südamerika und Südafrika. Auch bei uns gibt es heimische Arten. Neben der rundblättrigen Variante ist auch der langblättrige Sonnentau auffindbar. Er bildet langgestielte und hohle Blätter aus, erreicht Höhen von 5-20 cm und zeigt eine weiße Blütenpracht von Juli bis August.

Der Sonnentau ist dafür bekannt, in äußerst nährstoffarmen Böden zu gedeihen. Um die lebensnotwendigen Nährstoffe zu erlangen, nutzt die Pflanze Insekten, wie Fliegen und Mücken als Nahrungsquelle. Charakteristisch für den Sonnentau sind seine Fangblätter, besetzt mit leuchtend roten Tentakeln. Das darauf an Tautropfen erinnernde Haftsekret verleiht ihm nicht nur seinen Namen, sondern fungiert auch als Lockmittel für Insekten. Diese bleiben an der klebrigen Substanz kleben und werden anschließend verdaut.

Die Drosera-Arten haben sich überwiegend an moorige Lebensräume angepasst und können sich so der Konkurrenz mit anderen Pflanzenarten entziehen und sich frei entfalten. Infolge von Entwässerung und Torfabbau verkleinert sich allerdings der Lebensraum des Sonnentaus zunehmend, wodurch bereits einige Arten selten geworden sind.

Sonnentaugewächse haben auch für uns Menschen schon lange einen Nutzen als Heilpflanzen, vorrangig bei Erkrankungen der Atemwege, durch seine entzündungshemmenden und krampflösenden Wirkungen. Er sollte aber nicht gepflückt werden, da er ja unter Naturschutz steht.

Der Moorfrosch – das Chamäleon unter den Amphibien

Der Moorfrosch, auch als Europäischer Moorfrosch bekannt, ist eine faszinierende Amphibienart, die in den Feuchtgebieten Europas beheimatet ist.

Mit einer lebendigen blauen Farbe, die sich ausschließlich in der Paarungszeit zeigt, zieht dieser Frosch die Aufmerksamkeit von Naturliebhabern und Forschern gleichermaßen auf sich.

Diese Amphibienart, wissenschaftlich als Rana arvalis bezeichnet, findet man hauptsächlich in den Feuchtgebieten von Nord- und Osteuropa.

Die Fortpflanzung des Blauen Moorfroschs ist ein beeindruckender Prozess. Im Frühling versammeln sich die Frösche in den Feuchtgebieten, wo die Männchen mit ihrem auffälligen Blau um die Gunst der Weibchen buhlen. Die Paarung erfolgt im Wasser, und die Weibchen legen ihre Eier in sorgfältig konstruierten Schaumnestern ab.

Der Lebensraum des Blauen Moorfroschs umfasst Sümpfe, Moore, Teiche und Feuchtgebiete mit langsam fließendem Wasser. Der Frosch ist perfekt an das Leben in diesen nassen Umgebungen angepasst, mit seinen speziellen Hautdrüsen, die eine gewisse Feuchtigkeit bewahren und vor dem Austrocknen schützen.

Trotz seiner Anpassungsfähigkeit und Überlebensstrategien steht der Blaue Moorfrosch vor Herausforderungen. Der Verlust von Feuchtgebieten aufgrund von menschlichen Aktivitäten, Umweltverschmutzung und klimatischen Veränderungen bedrohen seinen Lebensraum und seine Population.

Insgesamt ist der Blaue Moorfrosch ein faszinierendes Beispiel für die Vielfalt der Natur in feuchten europäischen Landschaften. Der Schutz seines Lebensraums und nachhaltige Umweltpraktiken sind entscheidend, um sicherzustellen, dass diese farbenfrohen Amphibien auch zukünftigen Generationen erhalten bleiben.


Interessiert? Hier kannst du dein Wissen vertiefen:

Noch nicht genug vom Sonnentau? Hier geht’s zur offiziellen Seite des NABU
Du traust dich alleine ins Teufelsmoor? Dann ist hier deine Wegbeschreibung
Quaaaaaak! Erfahre mehr über den Moorfrosch auf der Seite des NABU

Autoren:

Dieser Beitrag wurde von den beiden Ökis (FÖJlerinnen) Phoebe und Vincent verfasst.

Fit im Forst

Fit im Forst

Der Erlebnis-Parcour im Herzen des Grunewalds

Ein Beitrag von Vincent Haubold (Teilnehmer des Freiwiliigen Ökologischen Jahrs in der Waldschule Plänterwald)


Das Sport nicht nur den Körper fit, sondern auch den Geist gesund hält, wurde mir spätestens während der Corona-Pandemie bewusst.

Während des Lockdowns fuhr ich meine sportlichen Aktivitäten auf nahezu null zurück, was kurzfristig durchaus wohltuend und entspannend war. Langfristig führte es jedoch dazu, dass nicht nur meine körperlichen Fähigkeiten abnahmen, sondern irgendwann auch meine Psyche unter dem „Sportentzug“ litt.

Gllücklicherweise sind diese Zeiten inzwischen schon eine Weile vorüber und so hatte ich diesen Sommer die Möglichkeit, den 2023 von Beliner Forsten renovierten Erlebnis-Parcours „Fit im Forst“ auszuprobieren.

Dieser kostelnlose, im Revier Dachsberg gelegene, Gesundheitsrundpfad bietet allen Sport- und/oder Naturbegeisterten auf 1,4 Kilometern und an 14 individuellen Stationen die Möglichkeit, sich körperlich zu verausgaben und gleichzeitig den Grunewald und seine vielen, schönen Waldwege auf ganz neue Art und Weise kennenzulernen.

Station 2 – Liegestützstangen

Die verschiedenen unterschiedlichen Stationen mit jeweils drei Schwierigkeitsgraden stärken aber nicht nur die Muskeln und den Geist, sondern, so die Initiative der Berliner Forsten, auch das Herz, die Lunge und die Gelenke. Damit ist der Fitness-Parkour auch bestens für Senior*innen geeignet und bietet generationsübergreifend die Möglichkeit, Sport mit einem schönen Waldspaziergang zu verbinden.

Station 6 – Sprossenwand


Persönlich haben mir der Rundgang und seine sportlichen Herausforderungen sehr gut gefallen und mich vom Konzept des „Outdoor-Sports“ überzeugt.

Ich würde mich daher freuen, wenn ähnliche Projekte auch in anderen Waldgebieten Berlins und im Umland realisiert werden würden, da der Grunewald für viele Berliner*innen (mich eingeschlossen) zu weit entfernt ist, um das Sportangebot regelmäßig nutzen zu können.

Als abschließende Empfehlung würde ich gern die Liegestützstangen (Station 2), die Slalomstangen (Station 10) und die letzte Übung (Ringstation) hervorheben. Meiner Meinung nach beanspruchen diese Stationen zusammen ein breites Spektrum an Muskeln und haben mir am meisten Freude bereitet (insbesondere die Station 2).

Anfahrt:

Der Sport-Parkour „Fit im Forst“ befindet sich neben dem Grunewaldsee und liegt zwischen der Koenigsallee und dem Hüttenweg. Aufgrund der Entfernung zum Stadtzentrum empfiehlt sich die Anreise per Auto, welches unweit des Startpunkts auf dem Parkplatz Grunewaldsee geparkt werden kann.

Sollten Sie sich für eine Anreise mit dem ÖPNV entscheiden, ist es ratsam, bis zur S-Bahnstation Grunewald zu fahren. Von dort fährt der 186er (Richtung S-Bahn Lichterfelde Süd) bis zur Hubertusbader Straße. Nach einem ca. halbstündigen Spaziergang entlang des Hüttenwegs erreichen Sie den Parkplatz Grunewaldsee.


Dort angekommen begrüßt Sie ein großes, gelbes Schild, welches den Startpunkt des Sportrundgangs beschreibt.

P.S.: Für Ihr Gepäck bieten sich die kostenlosen Schließfächer an, für welche jedoch ein eigenes Vorhängeschloss benötigt wird. 

Für weitere Informationen schauen Sie gern in diesem Flyer.

Viel Spaß im Wald und beim Ausprobieren dieses Ftness-Pfads!

Text und Fotos: Vincent Haubold


Vorhängeschloss nicht vergessen

Das Igelkrankenhaus in Berlin-Hermsdorf

Das Igelkrankenhaus in Berlin-Hermsdorf

Der Igel: Das lebende Fossil

Eines der bekanntesten Wildtiere unsrer Breiten ist der Igel. Er gehört zu den ältesten Säugetieren auf der Erde und wird auch als „lebendes Fossil“ bezeichnet. Das heißt, dass er in ähnlicher Form bereits mit den Dinosauriern zusammengelebt hat.

Als nachtaktives Schutztier (im Gegensatz zum Fluchttier), kann er sich bis zu 12h einrollen, seine 8000 Stacheln aufrichten und sich so vor Angreifern schützen. Seine Strategie ist ein regelrechtes Erfolgsmodell der Evolution! 

Seine natürlichen Feinde lassen sich gut eingrenzen. Es sind FüchseUhus, Dachse, Marder oder Rabenkrähen. Diese Tiere haben allesamt lange Krallen und können das dichte Stachelkleid des Igels überwinden.

Ein strukturarmer Kiefernwald ist unattraktiv für Igel

Ein strukturreicher Park, wie hier in Berlin, bietet mehr Lebensraum für den Igel

Es wird vermutet, dass Igel ursprünglich in Wäldern mit vielfältigem Bewuchs lebten. Doch der Stachelträger kann sich in unseren heutigen strukturarmen Wirtschaftswäldern nicht mehr aufhalten. Er ist ein typischer Kulturfolger, der im Laufe der Zeit immer mehr vom Land in die Stadtnatur abgewandert ist. Hier sucht er sich abwechslungsreichere Orte wie Parkanlagen und Gärten. Dort findet er offene und dicht bewachsene Flächen mit viel Gebüsch, Laubhecken und einer dicken Laubschicht. 

Igel in Gefahr

Der Insektenfresser stößt mit seiner Lebensart jedoch immer mehr an Grenzen. Denn seine Stacheln helfen ihm nicht im Straßenverkehr oder Verhindern das Zerschneiden seiner Reviere durch Bebauung. Die Lebensbedingungen für Igel verschlechtern sich stetig. Nicht nur durch die direkten menschengemachten Gefahren, sondern auch durch die Folgen des Klimawandels. 

Das ständige Sauberhalten der Gärten durch die Nutzung von Mährobotern, Schneckenkorn und Laubentfernung sorgt für lebensbedrohliche Verletzungen, Vergiftungen und einen Eingriff in den biologischen Kreislauf. Wo keine Insekten mehr das Laub zersetzen, dort fehlt dem Igel auch sein natürliches Nahrungsangebot. Immer mehr Tiere werden mit einer sogenannten „Hungerfalte“ gefunden, die eine Mangelernährung aufzeigt. Viele Hinweise deuten darauf hin, dass die Igelpopulation zurückgeht.

Berliner Igelschutz seit 40 Jahren

Der Sitz des Vereins „Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V.“ in Berlin-Hermsdorf
Von der S-Bahn-Station Hermsdorf braucht man zu Fuß ca. 11 Minuten bis zur Igelstation

Das bekommt auch der Verein „Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V.“ mit. Seit 40 Jahren unterstützt er die stacheligen Vierbeiner in der Hauptstadt. Die Igelstation fand ihren Anfang im Keller der Vorsitzenden Gabriele Gaede und ist im Laufe der Jahre so herangewachsen, dass sie in einen Laden im Norden Reinickendorfs gezogen sind.

Hier finden mehr als 55 Igel Platz, um von den 30 aktiv Helfenden liebevoll umsorgt zu werden. Insgesamt 250 Mitglieder zählt der Verein, welche ausschließlich ehrenamtlich arbeiten. Ihr Herzensziel ist es kranken, verletzten und untergewichtigen Igeln zu helfen, um diese in einer igelfreundlichen Umgebung wieder auswildern zu können. Die Igelstation funktioniert wie ein Krankenhaus und hat allein 2021 so 570 Igel gepflegt.  

Die Tätigkeiten des Vereins sind vielfältig: Sie reichen von nächtlichen Krankentransporten, Untersuchungen, Tierarztbesuchen und Pflege bis zur Öffentlichkeitsarbeit. 

So steht der Verein z.B. mit den Herstellern von Mährobotern in Kontakt und leistet Aufklärungsarbeit auf Festen und in Schulen. Ausserdem bietet er rund um die Uhr Hilfe und Beratung über seine Igel-Hilfehotline. An manchen Tagen klingelt das Telefon alle 10 bis 15 Minuten, erzählen die Ehrenamtlichen.

Alltag in der Igelstation*

Bevor der Winter anbricht werden viele untergewichtige Tiere eingeliefert. Diese Hochsaison im Herbst ebbt im Dezember ab und die Stationsarbeit kommt dann, wie die schlafenden Igel, etwas zur Ruhe. Im Frühling hingegen, mit dem Beginn der Gartensaison, finden sich eher verletzte Vierbeiner und im Sommer verwahrloste Jungtiere in der Station. Igel sind das ganze Jahr präsent, nicht nur im Herbst, somit ist für die Helfenden auch das ganze Jahr über Igelzeit. Die Station ist dementsprechend so gut wie nie leer. 

Ab Dezember liegen die Igel in ihren Ställen und halten Winterschlaf in den unbeheizten Räumen. Jeden Tag kommt ein Team von 4 Personen zusammen, um gemeinsam alles zu säubern. Dazu werden in 3 bis 4 Stunden überall Zeitungen ausgewechselt, als auch Futternäpfe und Schlafhäuschen saubergemacht. Danach folgen die Pflege der Verletzten, die Vorbereitung zur Auswilderung/Betreuung und die Organisation der gespendeten Materialen. 

Igelpflege zu Hause

Die Pflege verletzter und untergewichtiger Tiere dauert mehrere Wochen und in den Wintermonaten bis zu mehreren Monaten. Igel mit dauerhafter medizinischer Betreuung ziehen im Winter zu den Helfenden nach Hause. Die Station wäre gerade für die Intensivbetreuung zu kalt, da die Stachelträger dort kein Fettpolster anlegen können.  

Sie brauchen es warm und viel Aufmerksamkeit. Dort liegen sie nun in den Wohnzimmern und werden zu regelmäßigen Zeiten mit Medikamenten behandelt oder die Jungtiere alle 2 bis 3 Stunden mit Pipetten gefüttert, bis sie selber fressen können. Eine echte Vollzeitbeschäftigung, die die Ehrenamtlichen in ihrer Freizeit organisieren. 

Igel sind dabei keine Haustiere. Auch wenn sie nach der Handaufzucht oder der Pflege erst etwas zutraulich sein können, setzt der nächste Winterschlaf sie wieder auf den Zustand eines „Wildtiers“ zurück (Reset). 

Die Überwinterung von gesund-gepflegten Igeln, findet teilweise bei Privatpersonen statt. In der Bildergalerie sieht man die Vorbereitung eines Igel-Transports mit Hilfe von Pappkartons und zerkleinertem Zeitungspapier.

Die Auswilderung

Die gepflegten Igel werden nach ihrem Krankenaufenthalt wieder entlassen und ausgewildert. Das geschieht vom Frühling bis zum Spätsommer. Dafür besucht der Verein alle potenziellen Gärten persönlich und bewertet diese auf ihre Igel-Freundlichkeit. Dann kann der Igelstall auch schon im Garten platziert werden und die Tür sich langsam öffnen. Zwei Wochen wird der Ankömmling noch gefüttert und dabei das Futter langsam reduziert, bis die Eingewöhnungszeit um ist.

Hilfe: Ich habe einen Igel gefunden, was tun?

Wenn im Winter umherlaufende Igel gefunden werden, dann sind diese immer hilfsbedürftig. In den anderen Jahreszeiten erkennt man einen hilfsbedürftigen Igel folgendermaßen: Hungerknick oder eine birnenartige Körperform (das Gewicht ist nicht aussagekräftig genug), Tagaktivität, umherschwirrende Fliegen. Dem Findling muss dann sofort geholfen werden.

Zur sofortigen ersten Hilfe gehört NICHT das Füttern, dafür braucht er nämlich erst einen warmen Bauch. Als erstes muss der Igel warmgehalten und auf Fliegeneier bzw. –larven abgesucht werden. Die kleinen weiß-gelblichen Punkte gehören sofort entfernt. Danach kann man ihm vorsichtig Wasser anbieten. 

Nach der ersten Versorgung, sollte umgehend die Igelstation kontaktiert werden (über Telefon oder Facebook). Von Alleingängen in der Igelpflege wird stark abgeraten, da im Internet viel Falsches steht. Die Igelexpert:innen können die Fragesuchenden umfangreich zu den nächsten Schritten beraten. 

Was hat der Findling denn?

Igel zeigen oft nicht, dass sie Schmerzen haben. Kotproben geben dort viel Aufschluss zur Erkrankung, denn meistens ist ein starker Parasitenbefall der Grund. Die Proben müssen v.a. am Anfang an mehreren darauffolgenden Tagen entnommen werden.

Medikamente sind bei igelkundigen Tierärzten erhältlich (der Igelstation bekannt). Das Stichwort ist hier „igelkundig“, denn die meisten Tierärzte kennen sich mit Wildtieren nicht aus. Eine falsche Diagnose und Behandlung können zu großem Schaden führen. 

Wie kann jede:r Einzelne helfen? 

Der igelfreundliche Garten

Wie kann ich meinen Garten so gestalten, dass die Igel sich wohlfühlen?

Das ist gar nicht so schwer! Igel brauchen vor allem Nahrung und Unterschlupfmöglichkeiten, bei gleichzeitiger Minimierung von Gefahren. Besonders in den Städten ist es außerdem wichtig, dass Igel-Reviere verbunden bleiben und so seine Lebensweise unterstützen. 

Eine Checkliste:

  • Heimische Pflanzen, Sträucher und Bäume
  • Unterschlüpfe wie Holzstapel, dichte Hecken, Gebüsch, Reisig-, Laub- und Komposthaufen, selbstgebaute Winterquartiere (Igelhaus)
  • Kein Gift (wie Blaukorn, Schneckenkorn usw.) 
  • Durchlässige Zäune mit naturnahen Nachbargärten
  • Igelsichere Gartenteiche, Regentonnen, Löcher, Treppen
  • Täglich frisches Trinkwasserangebot (niemals Milch!)
  • Fütterung im Herbst und Frühjahr (dabei Futterstellen schützen!)
  • Keine Mähroboter und Ultraschallgeräte

Der igelfreundliche Wald

Auch Land-und Waldbesitzer können den Igel unterstützen, da auf lange Sicht die Städte nicht als Lebensraum ausreichen. In Laubmischwälder müssen die natürlichen Prozesse z.B. auf Windwurfflächen oder Brachen wieder zugelassen werden, damit Büsche und junge Bäume wachsen können. Die Insektenfresser bevorzugen nämlich unaufgeräumte Wälder und v.a. Waldränder (offene Wiesen und angrenzender Wald). Mehr liegende Biomasse kommt auch den Insekten zugute, von denen er sich hauptsächlich ernährt.

Unterstützung des Vereins – aktiver Naturschutz

Wenn ihr Lust habt aktiven Naturschutz zu betreiben und die Igel in Berlin zu unterstützen, dann meldet euch beim Verein! Es werden dringend interessierte Bürger:innen benötigt, um die ehrenamtliche Arbeit fortzuführen. 

Wer seine Stärken nicht in der Igelbetreuung sieht, der kann auch anders helfen z.B. durch Igelpatenschaften, Sach- und Geldspenden oder auswilderungs- bzw. igelfreundliche Gärten. Besonders nach politisch-engagierten Personen wird gesucht, um den Druck auf staatlicher Ebene zu erhöhen. 

Denn wenn man im Internet schaut, befindet sich in Hermsdorf die letzte große Igelstation Berlins. In den letzten Jahrzehnten sind viele Stationen geschlossen worden, durch den Wegfall staatlicher Unterstützung und dem altersbedingten Personalschwund. Die Kosten der Miete, Medikamente, Futter und weitere Materialen müssen allein durch private Spenden getragen werden. Jede Unterstützung ist willkommen und hilft diese wichtige Initiative zu erhalten. 


Interessante Links

Ausführlichere Infos zu Igelgefahren und Igel im Garten
(Link zu igelschutzberlin.com)

Artikel zum Thema: Igel brauchen Laubwald
(Link zu naturwald-akademie.org)

Hier ist die Igelstation zu finden:
Olafstraße 71
13467 Berlin-Hermsdorf

*Das Interview mit der Igelstation wurde Ende November 2022 geführt.

Informationen zum Urheberrecht
Die hier verwendeten Bilder wurden entweder privat aufgenommen oder lizenzfrei von der Seite „pixabay.com“ genutzt.

Mit dem Wald – für ein klimaneutrales Berlin bis 2030

Mit dem Wald – für ein klimaneutrales Berlin bis 2030

Vielleicht ist es euch auch schon aufgefallen – dem Berliner Wald geht es zunehmend schlechter! Wir Waldpädagoginnen und Waldpädagogen sehen es jeden Tag, denn wir sind ständig mit unseren Gruppen in den Stadtwäldern unterwegs.

Stürme, Sommerhitze und fehlende Niederschläge haben in den letzten Jahren zugenommen, mit gravierenden Auswirkungen auf das Ökosystem Wald. Die Bäume leiden unter Trockenstress. Als Folge verlieren sie u.a. vorzeitig ihre Blätter und werfen mitunter ganze Äste ab. Darüber hinaus zeigen viele Bäume unterschiedliche komplexe Krankheiten wie z.B. den Buchenschleimfluss oder die Rußrindenkrankheit.

Natürlich gehört es zum natürlichen Zyklus im Wald, das alte Bäume umstürzen und so Platz für den Jungwuchs machen. Doch es sterben aktuell so viele ältere Bäume ab, dass viele Lebewesen ihr Zuhause verlieren und der Jungwuchs nicht mehr hinterherkommt.

Ökosystem Wald – ein komplexes Beziehungsmuster

Während die Auswirkungen von Dürre und Trockenheit für uns primär an den Bäumen deutlich sichtbar sind, leiden aber auch die Bewohner des Waldes unter dem Wassermangel. Besonders die verborgenen Lebewesen wie Insekten, kleine Bodentiere und Pilznetzwerke, welche auf den ersten Blick unsichtbar scheinen, sind betroffen.

Je kleiner und versteckter die Organismen, desto schwieriger und komplexer wird es für uns die Auswirkungen des Klimawandels und deren Wirkungskette im Ökosystem abzuschätzen. Geht es den Pilzpartnern der Bäume schlecht, so werden die Bäume nicht mehr richtig mit Wasser und Nährstoffen versorgt, was sie wiederum schwächt. In der Folge treten immer öfter sogenannte „Schadorganismen“ in Massen auf und schädigen unsere Wälder zunehmend.

Ohne Wald keine Lebensqualität

Unser Wald versorgt uns täglich mit frischer Luft, da er  Fein-, und Schadstoffpartikel filtert. Lebenswichtig, genau wie das saubere Trinkwasser, welches zum Großteil aus unseren umliegenden Wäldern kommt. In heißen Sommern werden extreme Temperaturschwankungen von ihnen ausgeglichen und unsere Stadt gekühlt.

In einer grünen Großstadt wie Berlin spielt die Stadtnatur auch für unsere Erholung eine bedeutende Rolle.

Wir Umweltbildner*innen wollen die Menschen auch in Zukunft sicher in die Wälder begleiten und mit ihnen gemeinsam die Natur entdecken.

Klimaneutrales Berlin erst 2045?

Warum das denn? Es ist genug Zeit verstrichen! Wir müssen jetzt handeln und alles Mögliche in Bewegung setzen!

Beteilige und engagiere dich für unsere Stadtwälder.

Ein erstes politisches Zeichen kannst du am 26 März beim Volksentscheid für ein „klimaneutrales Berlin bis 2030“ mit deiner Stimme setzen.

Alle Infos zum Volksentscheid findest du hier!

Überschriftsfoto: Ponte1112, CC BY-SA 4.0