Heimlich unterwegs… Auf den Spuren der Wildtiere

Heimlich unterwegs… Auf den Spuren der Wildtiere

Wildtierkunde in der U-Bahn

Zwei junge Frauen zeigen sich etwas knitterige Bleistiftzeichnungen. Ihre Schuhe sind klobig und ihre Knie sind dreckig. Wahrscheinlich kommen sie gerade aus dem Berliner Wald oder aus einer der Berliner Waldschulen...

Guck mal, ist diese Spur von einem Damhirsch, einem Reh oder doch von einem Mufflon?

Ich glaube, die Mufflons gibt es nur in Wannsee. Und Damhirsche leben doch nur im Spandauer und Tegeler Forst, aber genau weiß ich es nicht.

Oder schau mal diese Spur hier, was denkst du, war das ein Biber oder doch dieses vegetarische Nagetier aus Südamerika? Wie heißt das nochmal?

Du meinst ein Nutria. Das könnte sein. Wusstest du, hier in Schöneberg da gibt es jetzt Gottesanbeterinnen!

Echt jetzt? Ich glaub mich knutscht ein Elch!

Ja wirklich! Und einen Elch gibt es übrigens auch! Der lebt nicht weit von hier in Brandenburg und er heißt Bert. Er ist aus Polen über die Oder geschwommen. Ach guck mal, ich habe hier ein cooles Video von einem Steinmarder vom Mariannenplatz.

Welcher Waldbewohner ist hier wohl langestapft?
Klick hier, dann findest du es heraus.

Da habe ich gestaunt über so viel Wildtierkunde in der U-Bahn am Kleistpark. Denn den meisten Menschen, sogar ausgeprägten Naturfreunden, ist oft nicht bewusst, wie viele verschiedene Wildtiere tagtäglich in ihrem Kiez unterwegs sind – einfach, weil diese sich so selten sehen lassen.

Dabei sind unsere wilden Nachbarn manchmal ganz nah. Gestern war ich bei einer Teamsitzung in einem Haus in der Nähe vom Rathaus Steglitz. Ich saß drinnen am Tisch und im Garten schlief eingerollt ein Fuchs. Draußen stürmte es, die Äste bogen sich, aber das schien ihn nicht zu kümmern. Er rollte seinen Schwanz um seinen Körper wie eine Decke, steckte seine Schnauze in sein flauschiges rotes Fell und schlief ein. Solche Beobachtungen mag ich sehr. Ganz zufällig und mit viel Glück, bekommt man einen Einblick in das Leben eines wilden Tieres. Es ist wie ein kleines Fenster in eine Welt, zu der wir Menschen früher auch einmal gehörten. Doch sie sind selten, solche Beobachtungen.

Kleiner Tipp: Falls ihr euch auch selber auf Tierspurensuche begeben möchtet, schaut euch doch mal diese Veranstaltung an.


Heimlich unterwegs sein – gar nicht so einfach!

Den Tieren nahe zu kommen, ist gar nicht so einfach. Wir Menschen können furchteinflößend sein. Für Wildtiere sind wir häufig zu laut und etwas zu schnell unterwegs. Mit ihren wachsamen und fein trainierten Sinnen, nehmen sie uns wahr, bevor wir überhaupt da sind.

Auf einem Spaziergang durch den Grunewald suche ich mir einen kleinen Trampelpfad. Der Hauptweg ist gerade mal einen Meter hinter mir, da geht der „Buschfunk“ an.  Die Amsel hat mich entdeckt und beendet ihren Gesang. Ihr bin ihr zu nahegekommen. Noch einen Schritt weiter und da macht sie ihren lauten kurzen Ruf: „Tix“. Das hören die Ringeltauben, die 20 Meter weiter am Boden nach Nahrung suchen. Sie fliegen auf, mit extra lautem Flügelklatschen. Na toll! Spätestens jetzt weiß jedes Reh und jeder Hase im Umkreis: Ich habe den Waldweg verlassen! Die anderen wilden Tiere verkrümeln sich heimlich und unerkannt oder tarnen sich gekonnt in den Farben der Natur. Ich komme mir etwas trampelig vor, wenn ich mir vorstelle an wem ich heute wohl schon alles vorbeigelaufen bin und wer mich heimlich aus seinem Versteck heraus beobachtet hat. Ich glaube, meine Sinne sind etwas eingeschlafen und ich bekomme viel zu wenig mit.

Wenn ich die Tiere selbst schon nicht treffe, finde ich vielleicht zumindest ihre Spuren… Aber wo und wie fange ich an mit der Spurensuche?

Eine Wildtierkamera aus der Waldschule, Zeichenblock, Bleistift und Zollstock habe ich im Gepäck. Aber wo hänge ich die Kamera am besten auf? Wo könnte ich die wilden Tiere und ihre Spuren finden? Um das herauszufinden, musste ich für mich erstmal eine uralte Technik des Menschen wiederbeleben – das Fährtenlesen.

Vielleicht denkt ihr: „Fährtenlesen, das machen doch heutzutage nur noch Jäger*innen, wenn sie aus den Spuren im Boden darauf schließen, welche Tiere unterwegs waren.“ Da ist etwas Wahres dran.

Aber: „Auch Du bist zum Fährtenlesen geboren!“ hat mir Paul aus der Wildnisschule Hoher Fläming einmal in einem Fährtenleserkurs gesagt. Er meinte damit, wir Menschen und unsere nahen Verwandten waren bereits Millionen Jahre auf den Spuren der Wildtiere unterwegs. Diese uralte Fähigkeit, unsere Nahrung aufzuspüren und alles was wir dafür brauchen, ist tief in uns verankert. Aber das bringt mir als modernem Menschen in der Großstadt erstmal wenig, oder? Vielleicht hilft ein Blick in die Tierwelt.

Wie findet z. B. der Fuchs seine Nahrung? Ein Fuchs riecht, ob ein Tier in der Nähe ist. So wie viele andere Tiere nimmt er seine Beute durch Witterung wahr. Wenn der Duft eine leckere Mahlzeit verspricht oder von anderem Interesse ist, verfolgt der Fuchs die Duftspur am Boden, ähnlich wie ein Hai seine Beute im Wasser aufspürt.

Diese Duftnoten enthalten viele Informationen und so weiß der Fuchs genau, ob er eine Maus oder ein Reh verfolgt oder ob es vielleicht doch ein Spandauer Damhirsch ist, der eine Nummer zu groß für ihn wäre. Mit dieser Herangehensweise ist er nicht allein. Auch Wildschweine oder Eichhörnchen nutzen ihre Nasen, wohingegen Stechmücken z. B. mit Riechhaaren ausgestattet sind.

Hat eine sehr feine Nase!
Foto: Lutz Leitmann/CC BY-SA 4.0 DEED

Größerer Vorderfuß und kleinerer Hinterfuß vom Fuchs

Wir Menschen dagegen sind „Augentiere“ und haben nicht so viele Riechzellen in unserer Nase. Als Jäger*in ein Tier aufzuspüren ist für uns zwar möglich, das Tier aber wie ein Löwe zu jagen, gibt unser Körperbau nicht her. Wir sind einfach zu schlechte Sprinter. Evolutionär wurden wir vom Primaten zum Langstreckenläufer. Aufgrund unserer spärlicheren Körperbehaarung haben wir die Fähigkeit, zu schwitzen und somit unseren Körper abzukühlen. Das heißt, auf langen Laufstrecken waren unsere Vorfahren zwar immer noch verhältnismäßig langsam, dafür aber unaufhaltsame Verfolger im „Dauerlauf“. Die Beute musste irgendwann wegen drohender Überhitzung einfach stehen bleiben.

Diese Jagdmethode war allerdings nur erfolgreich, wenn man wusste, wohin die Tiere gelaufen sind. Wir Menschen mussten uns ein anderes – ein besonderes Talent zulegen. Vielleicht war es eine Primatenjägerin, mit besonders knurrendem Magen, die einen ersten genaueren Blick auf den Boden und die rätselhaften Muster darin geworfen hat. Mit der Zeit lernten die Menschen, die Fährten der Tiere zu unterscheiden, zu deuten und zu verfolgen. Denn am Ende einer jeden Spur ist ein Tier.

Wir sind also zum Fährtenlesen geboren. Das Suchen und Verfolgen von Spuren im Boden und sonstiger Zeichen, wie z. B. Losungen (Kot), Schlafplätzen, Haaren, Federn, Tierwohnungen und vielfältigen Fraßspuren wurde wahrscheinlich schon früh in der Menschheitsgeschichte eine unserer Hauptbeschäftigungen im Alltag. Und blieb es für viele Millionen Jahre. Überall wo wir waren, nahmen wir wachsam unsere Umwelt wahr und kannten uns selbst mit den Spuren und Zeichen der kleinsten Tiere aus.

Erst seit einem gefühlten Wimpernschlag in der Entwicklung der Menschheit leben wir nicht mehr ständig in und mit der Natur. Unser Leben hat sich, seitdem wir sesshaft wurden, so rasant in eine andere Richtung bewegt, dass manche unserer Talente und Sinne etwas verkümmert scheinen.

Unser Blick richtet sich nun öfter auf einen Bildschirm als in die Natur. Manchmal vergessen wir, dass wir auch zur Natur dazu gehören. Jane Goodall, die berühmte Primatenforscherin, untersuchte Schimpansen im Urwald und fand viele Gemeinsamkeiten zwischen uns und unseren nahen Verwandten. Sie sagt: “Wir sind Teil der übrigen Tierwelt und nicht von ihr getrennt.“

Wenn sich unsere Umwelt nun verändert, bekommen wir das heute überhaupt noch mit?

Den Alltag der frühen Fährtenleserkulturen stelle ich mir so vor: Ich bin ständig wachsam und auf der Suche nach Nahrung, Kleidung, Wasser und Schutz. Jeder in meiner Familie kann fährtenlesen, sammeln und jagen. Mit unseren Augen suchen wir Spuren im Sand. Wir sind tief verbunden mit der Natur. Wir verstehen die Alarmrufe der Vögel, wir spüren was der Wind für ein Wetter bringt. Wir kennen die essbaren und giftigen Pflanzen, nicht zu vergessen die Pilze. Wir wissen, dass die Vernetzung der Tiere mit allen anderen Lebewesen eine wichtige Bedeutung hat. Wir nehmen uns nicht aus. Wir sind selbst ein Tier und verwoben mit Allem. Wir sind Profis darin, in sekundenschnelle Muster im Boden zu erkennen und sie zu deuten. Die frischen Spuren eines großen Raubtieres zu entdecken, ist wichtig. Ihnen keine Beachtung zu schenken, wäre vielleicht tödlich. Genauso wichtig ist es, in der Gemeinschaft unterwegs zu sein. Jeder bringt sein Talent mit ein und viele Augen sehen mehr.

Guck mal hier, eine Spur! Was könnte sie uns verraten?


Wer war das?

Was hat das Tier hier gemacht?

Wie schnell war es?

Wie groß war es?

In welche Richtung ist es gegangen?


Wie alt war das Tier?

Waren es vielleicht mehrere Tiere?

Wo ist die nächste Spur?

Wo ist das Tier jetzt?

Wann war das Tier hier?

Schau hoch in die Landschaft! Vielleicht beobachtet es uns gerade. Stell dir vor, wie und wohin das Tier gelaufen ist. Sind dort drüben noch mehr Spuren zu sehen? Wenn nicht, welchen anderen Weg könnte es gelaufen sein? Haben sich unsere Vorfahren bei einer Spur, die sie im Boden gefunden haben, diese Fragen gestellt und konnten sie diese beantworten? Ich denke schon. Die Suche nach Nahrung bestimmte ihren Tag.

Wenn ich Hunger habe, gehe ich zum Kühlschrank oder vielleicht zum Imbiss am S-Bhf. Grunewald. Angst, dass ich dort einem Braunbären begegnen könnte, brauche ich nicht mehr zu haben und falls euch jetzt die Brandenburger Wölfe einfallen, die sind nur im Märchen gefährlich. Für mich gibt es also keinen Grund mehr, warum ich raus in die Natur und Fährtenlesen gehen sollte? Aber irgendetwas zieht mich doch hinaus. Wie ein Band mit dem ich unsichtbar verbunden bin. Neugierig auf die Natur um mich herum. Vielleicht ist es auch eine Art Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Wildnis oder die Suche nach einem Sinn als Mensch in dieser naturentfremdeten, aber dennoch coolen Stadt. Ich will wissen wer nachts um mein Haus schleicht und wer mit mir den Garten teilt. Ich bin neugierig, wer im Grunewald lebt und auf Menschen, die diese Fragen zu einer Spur noch beantworten könnten.

Es ist immer wieder aufregend, wenn ich tatsächlich mal ein Wildtier beobachten darf. Dann kann ich kurz dabei sein, wie es seiner Bestimmung nachgeht und sein wildes freies Leben lebt. Wenn ich aber einen Blick auf die Rote Liste der bedrohten Tier- aber auch Pflanzen- und Pilzarten werfe, werde ich richtig nervös.

Ein Blick aus der Vogelperspektive macht es sichtbar. Wir Menschen versiegeln immer mehr Flächen, entwässern die Landschaft und zerschneiden sie in immer kleinere Stücke. Die Wildtiere finden kaum noch Wege, auf denen sie wandern und ihre Gene austauschen können. Die Natur „verinselt“ und die kleinen Inseln sind nicht ausreichend miteinander verbunden. Das bedeutet, wir sind nicht nur verantwortlich für den Verlust der Artenvielfalt, sondern zudem für den Verlust von Vielfalt innerhalb einer Art.

Beobachtungen mit der Wildtierkamera

Unsere Verwandten – Tiere, Pflanzen und Pilze verschwinden. Aber wer bekommt das eigentlich mit? Wenn die Wildtiere so heimlich unter uns leben, wer bemerkt es, wenn ihre Spuren nicht mehr zu finden sind? Wer nimmt es wahr, wenn eine Wildbienenart nach der anderen ausstirbt oder Vogelgesänge verstummen? Es sind Namen wie Ziesel, Schwarzstirnwürger, Blauracke, Langflügelfledermaus, Gänsegeier und die Bayrische Kurzohrmaus, die man einfach vergisst oder noch nie gehört hat. Sie sind, wie so viele Arten in Deutschland, verschollen. Jede zweite Brutvogelart ist von Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste (Stand 2021). Stand 2017 sind in Berlin 150 Großschmetterlingsarten ausgestorben.

Mir wird klar, der Artenschutz braucht Fährtenleser*innen!

Naturbegeisterte Menschen, voller Neugier, denen die Natur von Bedeutung ist. Die rausgehen, eintauchen, sich „einwalden“ wie Baptiste Morizot sagt. Ausgestattet sind wir ja alle zum Fährtenlesen. Also ich gehe jetzt raus und schaue was die Mäuse machen. Vielleicht führen sie mich auf die Fährte vom Fuchs. Mein Sohn sagt, er kommt mit, denn der Fuchs hat seinen Schuh geklaut.

Heimliche Beobachtungen

Die folgenden Bilder sind mit Hilfe einer Wildtierkamera aufgenommen worden. Da es im Wald immer trockener geworden ist, hat die Waldschule eine Wald-Bar eröffnet, die sehr gut angenommen wird.

Tierbegegnungen am kleinen Teich – Frischlinge

Fuchs und Waschbär

Rausgehtipps:

  • Hat es geschneit oder geregnet? Gehe raus uns suche eine frische Fährte. Überlege, aus welcher Richtung das Tier kam. Gehe dem Tier nicht nach um es nicht zu stören. Gehe in die Richtung aus der das Tier kam und entdecke was es erlebt hat. Vielleicht findest du einen Schlafplatz und darin ein Haar?

  • Suche einen Fußabdruck im Boden. Breite Sandwege im Wald oder eine Sandstelle an einer Wasserstelle sind gut geeignet. Manchmal wirst du unerwartet an der nächsten Pfütze fündig. Suche nach Mustern und wenn du eine interessante Spur gefunden hast, fange an diese zu zeichnen. Es geht hier nicht darum ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern um genaues Hinsehen und Wahrnehmen. Zeichne die Spur größer, als sie in Wirklichkeit ist und messe die Maße wie Länge und Breite. Steh auf und wechsele die Perspektive. Frage dich, was fällt mir noch auf? Was habe ich bisher übersehen? Woran erinnert mich das Muster? Frage deine Freunde oder andere Spaziergänger was sie in der Spur sehen. In einem Buch über Tierspuren kannst du vielleicht herausfinden, wessen Spur du gefunden hast. Achte auf Schutzgebiete und darauf, die Rückzugsorte der Tiere zu respektieren.

Zum Schluss noch zwei Spurenrätsel

Dieses Tier hat lange Zehenballen, die wie Finger aussehen. Sie zeigen in alle Richtungen ähnlich einer Kinderhand. Wie viele Zehen könnt ihr
zählen? Auflösung hier.

Dieses Tier braucht scharfe und lange Krallen. Es hat einen großen Mittelhandballen. Erinnert er euch an etwas? Die Zehenballen sind nach vorne gerichtet.

Wenn euch jetzt auch die Lust auf’s Spurensuchen gepackt hat, haben wir noch einen Veranstaltungstipp für euch:

Fährtenlesen – Auf den Spuren der Wildtiere
Ort: Waldschule Zehlendorf
Samstag 27.04.2024, 11 – 15Uhr
Kosten: 2,50 € Kind | 5,- € Erwachsener | 10,- € Familie
Bitte mitbringen: wetterfeste Kleidung, Picknick, Neugier
Anmeldung erforderlich unter: zehlendorf@anmeldung-waldschule.de


Buchtipps:
Joscha Grolms: Tierspuren Europas
Morizot,Baptiste: Philosophie der Wildnis oder Die Kunst, vom Weg abzukommen

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