Pilze – Wer oder Was seid ihr eigentlich?

Pilze – Wer oder Was seid ihr eigentlich?

Ein eigenes Reich

Was haben Ochsenzunge, Schweinsohr und Ziegenbart gemeinsam? Keine Ahnung?

Diese skurrilen Namen beschreiben oft bizarre Formen und Farben von wundersamen Organismen, die allgegenwärtig unter uns sind. Zugegeben sind Frauentäubling und Austernseitling vielen unter uns bekannter und spätestens bei Maronen, Pfifferlingen und Champignons lüftet sich der Schleier.

Willkommen im Reich der Pilze! Ein eigenes Reich? Ja, und das vollkommen zurecht! Lange genug waren Pilze im Reich der Pflanzen eingegliedert, da sie wie Farne auch Sporen für ihre Vermehrung nutzen. Jedoch fehlt Pilzen das Blattgrün und so können sie keine Photosynthese betreiben. Sie müssen also fressen!

Aufgrund ihrer Ernährungsweise stehen sie den Tieren also viel näher und neueste DNA-Forschungen bestätigen dies.

Pilze – ein eigenes Rech (von Rita Lüder)

Was wir manchmal bei einem Waldspaziergang an der Oberfläche entdecken können, sind nur die Früchte eines weitaus größeren Lebewesens. Der eigentliche Pilz lebt die meiste Zeit für unsere Augen versteckt im dunklen Untergrund oder in den verschiedensten Substraten.

Myzel an Holz und Laub

Auf der Suche nach Nahrung wächst das vernetzte spinnenwebenartige weiße Geflecht (Myzel), welches den eigentlichen Pilz bildet, stetig weiter, teils bis zu gigantischen Ausmaßen. Wie zum Beispiel im Bundesstaat Oregon. Im Malheur National Forest ist der dunkle Hallimasch mit einem Alter von ca. 2400 Jahren und einer Ausdehnung von 9 km² das größte Lebewesen der Erde.

Pilze besitzen im Gegensatz zu Tieren keine Zellmembran, sondern eine hauchdünne aber feste Zellwand. Der komplexe Stoff Chitin, aus dem auch Insektenpanzer bestehen, verstärkt diese. Innerhalb einer jeden Zelle finden sich zwei haploide Zellkerne, also Zellkerne mit je einem einfachen Chromosomensatz. Ganz schön eigen oder?

Recyclingspezialisten, Feinschmecker, Mediziner und Ingenieure

Ein harter Auftrag? Kein Problem für die Zersetzerpilze (Saprobionten), denn sie sind für alles gerüstet.

So hat jeder eine andere Vorliebe. Tote Pflanzen, Früchte, Samen, Insekten, ja sogar Säugetiere und deren Hinterlassenschaften. In der Natur findet alles einen Abnehmer!

Dabei zerlegen Pilze unterschiedliche komplexe organische Verbindungen mit Hilfe von Säuren und Enzymen die sie über hauchdünne Zellfäden (Hyphen) absondern. Die Nahrung wird äußerlich vorverdaut und dann durch Osmose zu sich genommen. Dabei entstehen Kohlenstoffdioxid und Wasser. Mit den gewonnenen Kohlenhydraten, Proteinen und Fetten bauen sie ihren Körper auf und wachsen weiter und weiter.

Holzzersetzer zaubern dabei verschiedene Farben ins Holz und manche von ihnen spalten neben Cellulose sogar den komplexen Stoff Lignin.

Kreislauf des Lebens (von Rita Lüder)

Vor etwa 360 Millionen Jahren lagerte sich dieser Stoff in der pflanzlichen Zellwand ein und bewirkte dadurch ein Verholzen der Zelle, was wiederum zu Druck und Standfestigkeit führte. Damit waren Pflanzen zum ersten Mal in der Evolution befähigt, in die Höhe zu wachsen.

Und wenn sie einmal fallen, dann räumt ja zum Glück jemand auf! Da Pilze alles Organische verwerten und in seine Bestandteile zerlegen können, schaffen sie optimale Bedingungen für neues Leben. Sie ernähren andere Mitglieder des Ökosystems und sind somit ein unersetzbares Bindeglied im ewigen Stoffkreislauf.

Ihr Appetit auf allerlei Organisches wird im professionellen Pilzanbau sehr geschätzt und sie bereichern unsere Speisekarte: Während Austernseitlinge auf Stroh und Holzschnipseln gut gedeihen, fühlen sich Kultur-Champignons in Pferdemist besonders wohl.

Aber auch Heil- und Medizinalpilze wie Shitake, Reishi und viele andere werden auf verschiedenen Substraten angebaut und können unser Immunsystem stärken und Heilungsprozesse unterstützen. Durch ihre chemisch komplexen und hochwirksamen Verbindungen werden Heilpilze beispielsweise begleitend bei Krebstherapien eingesetzt. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind sie seit Jahrtausenden hoch geschätzt.

Austernseitlinge auf Stroh

Auch in unseren Breiten lassen sich hervorragende Heilpilze unter den Zersetzern finden. Während der Birkenporling bei Magen-Darm-Beschwerden Linderung verschafft, stärkt die Schmetterlingstramete das natürliche Immunsystem, indem sie die Aktivität der natürlichen Killerzellen erhöht.

Da Pilze wahre Recyclingspezialisten sind, werden sie von Wissenschaftlern außerdem im Rahmen der biologischen Sanierung angewandt. Kontaminierte Böden oder Gewässer können nach Umweltkatastrophen durch Pilze bereinigt werden, indem sie giftige Verbindungen wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs) zu unschädlichen Substanzen abbauen.

„Parasiten“ oder Wächter des Ökosystems?

Hallimasch

Bestimmte Pilze gefährden aber auch das Leben ihrer Wirtsbäume. So sind beispielsweise für viele der Zunderschwamm oder der Hallimasch gefürchtete Pilze, da sie in und an lebenden Bäumen wachsen und diese zersetzen.

In der Natur spielen sogenannten „Parasiten“ eine wichtige Rolle in der Regulation von Ökosystemen. Nicht angepasste und/oder durch Umwelteinflüsse geschädigte Individuen werden mit Hilfe diese Pilze aus dem Ökosystem entfernt. So sehen wir manche Saprobionten oft missverständlich als parasitär an.

Denn sie nützen andere Lebewesen, da ein in im Zerfall stehender Baum letztendlich mehr Lebewesen Nahrung sowie ein Zuhause bietet als ein vitaler.

Wir Menschen nehmen die Rolle von Zunderschwamm und Hallimasch aus der ökonomischen Perspektive oft ganz anders wahr. Jährlich entstehen in der Forst- und Landwirtschaft Milliardenschäden durch pathogene Pilze.

Jedoch sollten wir immer im Auge behalten, dass sich die sogenannten „Krankheitserreger“ vor allem in solchen Systemen ausbreiten, welche sich im Ungleichgewicht befinden und nicht an den jeweiligen Standort angepasst sind.

Hier können Pilze ein natürliches Gleichgewicht wiederherstellen und sind unbestreitbar die Grundlage für neues Leben. Der gefürchtete Hallimasch im Malheur National Forest in Oregon verrichtet vielleicht einfach nur seine Aufgabe?

Letztendlich bieten diese Pilze auch eine neue Chance für die Entwicklung eines intakten Ökosystem, indem sich Pflanzengesellschaften ansiedeln, welche mit den Standortbedingungen besser zurechtkommen

Zunderschwamm an Birke

Innige Partnerschaft

Eine weitere Gruppe von Pilzen hat sich eine andere Taktik überlegt, um an den lebenswichtigen Zucker zu kommen. Sie besitzen zwar auch Enzyme und Säuren, mit denen sie Organisches zerlegen können, bauen aber zusätzlich auf einen starken Pflanzenpartner.

Dabei verbindet sich das unterirdische Fadengeflecht mit den Feinwurzeln der Bäume. Ungefähr 90 % aller Pflanzen sind im wahrsten Sinne des Wortes vernetzt und profitieren von dieser Symbiose, der sogenannten Mykorrhiza (altgr. mýkēs, Pilz und rhiza, Wurzel).

Dies ist keine neue Überlebensstrategie. Bereits vor 460 Millionen Jahren gingen Pilze mit den ersten Landpflanzen eine innige Beziehung ein. So fand man in fossilisierten Wurzeln von Bärlappgewächsen und auch in der Gattung der Urfarne erste gesicherte Beweise einer Mykorrhiza. Somit hat diese symbiotische Beziehung den Landgang der ersten Pflanzen wohl überhaupt möglich gemacht.

Mykorrhiza – Partnerschaft zwischen Baumwurzel und Pilz (von Rita Lüder)

Um den richtigen Lebenspartner ausfindig zu machen und Heiratsschwindler auszuschließen, kommunizieren die beiden Partner vorab durch den Austausch von Hormonen und besonderen Molekülen. Stimmt alles, treffen beide Partner wichtige Vorbereitungen und es kommt zur einvernehmlichen Vereinigung.

Dabei unterscheidet man zwei Arten. In mitteleuropäischen Wäldern ist die häufigste Form die  Ektomykorrhiza. Dabei umschlingt das Hyphengeflecht die Feinwurzeln der Bäume mantelartig und verzweigt sich zusätzlich zwischen den Wurzelzellen der Rinde. Noch inniger geht es bei der Endomykorrhiza zu. Hierbei darf die hauchdünne Pilzhyphe sogar bis in die Wurzelzellen hineinwachsen und bildet bäumchenartige Strukturen aus.

Das Tauschgeschäft

Doch was für Vorteile ziehen die beiden Partner aus der innigen Beziehung?

Indem Pilze mit ihren feinen Hyphen bis in die kleinsten Poren des Erdreichs vordringen, vergrößern sie die potentielle Wurzeloberfläche ihres Partners um das Vielfache. Das lebenswichtige Nass und die begehrten Nährstoffe übergeben sie dann ihrem Pflanzenpartner. Symbiotische Pilze unterstützen also das Wachstum ihrer Partner durch eine gute Versorgung, was sich wiederum auf deren Gesundheit positiv auswirkt und das Immunsystem stärkt.

Zudem bildet der Pilz eine Art Barriere vor vielen Krankheiten und kann sogar schädliche Stoffe wie Schwermetalle oder andere Umweltgifte herausfiltern. Ganz schönes Komplettpaket, oder?

So beträchtliche Dienstleistungen wollen natürlich gut honoriert werden. Bis zu 25 Prozent der produzierten Glukose erhält der Pilz für seine Bemühungen. Energie, die der Pilz für seinen Stoffwechsel und Zellaufbau gut gebrauchen kann.

Auf diesen attraktiven Tauschhandel gehen übrigens etwa ein Drittel der 6000 Großpilze in Deutschland ein. Alle Röhrenpilze, wie zum Beispiel Steinpilze oder Maronen, und viele essbare als auch giftige Blätterpilze (Fliegenpilze, Knollenblätterpilze) pflegen so eine Partnerschaft.

Vor allem Nadelbäume auf nährstoffarmen Standorten freuen sich über einen innigen Austausch. Wie herrlich, Zusammenleben kann so schön sein!

Ein bisschen Abwechslung in der Beziehung darf es übrigens auch geben, denn oft besitzt ein Baum gleich mehrere Pilzpartner!

Mykorrhiza – Pflanzen und ihre Pilzpartner
(von Rita Lüder)

Mehr als nur Wachsen

Der Waldboden unter unseren Füßen ist dadurch von kilometerlangen Myzelfäden durchzogen und bildet ein gigantisches unterirdisches Netzwerk. In harten trockenen Zeiten darf das Nährstoffreservoir auch mal angezapft werden und junge wie auch alte Bäume werden darüber mitversorgt, innerartlich als auch unter verschiedenen Baumarten.

Das Hyphengeflecht ist aber keineswegs nur ein reiner Umschlagplatz für Nährstoffe. Neueste Erkenntnisse zeigen, dass neben Nährstoffen auch Nachrichten ausgetauscht werden. Bei Insektenangriffen verschicken Bäume über das Netzwerk chemische Botenstoffe. So werden andere Individuen in weniger als 6 Stunden informiert und können ihre Verteidigungsstrategien vorbereiten. Ein Grund mehr einen verlässlichen Pilzpartner auf seiner Seite zu haben.

Dieses Netzwerk ist heutzutage vielen von uns unter dem Namen „Wood Wide Web“ bekannt und der weltweit anerkannt Mykologe Paul Stamets spricht sogar vom „neurologischen Netzwerk der Natur“.

Pilze reagieren sehr empfindlich auf Bodenverdichtung, Stickstoffeinträge, Versauerung und Umweltgifte. Diese Umwelteinflüsse beeinträchtigen das Wachstum der Pilze und dadurch auch die der Bäume bzw. des ganzen Waldes.

Eines ist klar: Ohne Pilze wäre ein Überleben auf unserem Planeten nicht möglich gewesen. Sie spielten in der Evolution des Planeten und unserer Menschheitsgeschichte eine große Bedeutung und werden auch in Zukunft wichtige Helfer für uns sein. Umso wichtiger ist ein respektvoller und achtsamer Umgang mit diesen geheimnisvollen Kreaturen.


Vielen lieben Dank an Rita Lüder für die Bereitstellung ihrer wunderbaren Illustrationen und die vielen tollen Bücher von Rita und Frank Lüder, zu Pilzen und anderen Themen, mit welchen wir so gern arbeiten.


Andere Beiträge zum Thema Pilze

„Die Stinkmorchel- der Pilz des Jahres 2020“, „Wilma Wusel entdeckt das Reich der Pilze“ und Podcast: „Tolle Früchtchen“


Quellen


Internet:


https://www.dgfm-ev.de/infothek/lebensweisen-der-pilze
https://www.waldwissen.net/de/lebensraum-wald/baeume-undwaldpflanzen/pflanzenoekologie/mykorrhiza
https://www.spektrum.de/lexikon/biologie-kompakt/mykorrhiza/7904
https://www.spektrum.de/news/die-vernetzte-welt-der-pflanzen/1598658


Bücher:

Robert Hofrichter; 2017; „Die geheimnisvolle Welt der Pilze“
Paul Stamets; 2005; „Mycelium Running“


Video:

Im Königreich der Pilze: https://www.youtube.com/watch?v=tH7U-Nbxg0s

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