Geheimnisvolles Leben am Eichenblatt
Geheimnisvolles Leben am Eichenblatt
Kapitel-Übersicht:
- Was ist da an den Eichenblättern?
- Wie der Gallapfel entsteht
- In der Kinderstube der Larve
- Der Feind des Kindes
- Einsame Mutter
- Der fortwährende Kreislauf
Was ist da an den Eichenblättern?
Wenn ihr euch im Herbst, Frühling oder Sommer in den Wald begebt, könnt ihr an einigen Pflanzen wundersame Auswüchse finden. Auch im Winter sind sie an dem am Boden liegenden Laub gut zu sehen.
Manchmal sieht es aus, als hätten die Pflanzen Windpocken, eine unangenehme Schwellung oder als hätte das Blatt der Pflanze nicht im Wald gehangen, sondern eine Reise durchs Meer hinter sich und Seepocken mitgebracht.
Häufig könnte man denken, viele Eier von unbekannten kleinen Lebewesen gefunden zu haben. Und möglicherweise sehen sie manchmal aus wie schöne Blüten oder Früchte.

Vielleicht seid ihr selbst einmal über solche ungewöhnlichen Erscheinungen gestolpert und habt euch gefragt, was ihr da gerade anschaut.
Ich weiß, dass ich in meinem Leben hin und wieder auf solche Dinge gestoßen bin und diese häufig nicht zuordnen konnte.
Dank eines Biologen weiß ich nun- die Auswüchse, über die ich spreche, sind Gallen.
Pflanzengallen werden nicht aus Spaß von der Pflanze selbst gebildet, sondern als Reaktion der Pflanze auf Eindringlinge.
Wenn ihr wisst, wo und wann ihr nach solchen Gallen suchen könnt, werdet ihr viele finden können. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass ich, seit ich mehr Zeit im Wald verbringe, selbst schon unzählige Gallen gefunden habe.
Erstaunlich häufig kommen Gallen an Eichen vor. Zumindest habe ich letztes Jahr dort besonders viele entdecken können.
Die auffälligsten solcher Auswüchse sind Eichäpfel, Eichenrosen, Linsen- und Trichtergallen und die Eichengalläpfel.
Auf diese möchte ich gerne hier genauer eingehen und vor allem das Lebewesen beleuchten, das für diese Gallen verantwortlich ist.
Im Herbst könnt ihr diese kugelrunden, farblich wie saftiges Obst aussehenden, Galläpfel an den Blättern von Eichen finden. Um diese sehen zu können, müsst ihr nicht einmal mühselig den großen Baum heraufklettern und euch in schwindelerregenden Höhen durch die Blätter arbeiten. Denn, wie ihr sicherlich schon wisst, verlieren Laubbäume (wie die Eiche) ihre Blätter im Herbst und damit auch die Blätter, aus denen die Galläpfel wachsen.
Wie der Gallapfel entsteht
Aber wer macht denn die Galläpfel? Und warum?
Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich euch gerne ein Tier vorstellen-
die Eichengallwespe. (Cynips quercus folii).
Die Eichengallwespe ist ein 2 bis 3 Millimeter großes, Insekt und hat eine dunkelbraune bis schwarze Körperfarbe. Ihre Beine sind heller braun gefärbt.
Die Männchen und Weibchen soll man daran unterscheiden können, dass die männlichen Tiere Antennen haben, die in 15 Teile gegliedert sind, während die Weibchen 14- gliedrige Antennen haben.
Zudem haben die weiblichen Wespen einen Legestachel, auch Ovipositor genannt.
In der Paarungszeit im Mai bis Juni finden sich Weibchen und Männchen dieser Wespen zusammen und das Männchen befruchtet das Weibchen.


Nach der Paarung fliegt die weibliche Eichengallwespe zu einem Blatt einer Eiche.
Sie sucht sich ihr Blatt und die Stelle auf dem Blatt genau aus. So kann sie sicher stellen, dass zu diesem Ort vom Baum genug Nährstoffe geliefert werden.
Sobald das Weibchen eine Stelle gefunden hat, die zu ihrer Zufriedenheit ist, legt sie dort ihre Eier ab. Dafür benutzt sie ihren Ovipositor und sticht in das Blatt.
Mit den Eiern gibt die Wespen-Mutter auch noch Chemikalien (z.B.Cytokinine = Pflanzenhormone) in das Blatt.
Und wie unser Körper bei Wunden Schorf bildet, hat der Baum auch eine Reaktion auf den Eindringling. Wo am Baum Eier der Wespe abgelegt wurden, bilden sich um die Eier Kugeln. Und so hat der Baum im Juli an den Unterseiten einiger Blätter Galläpfel.
In der Kinderstube der Larve
Wenn aus dem Ei die Larve schlüpft, ist sie umgeben von Nahrung. Sobald sie auf die Welt kommt, ist die Larve also eigentlich nur mit einer Sache beschäftigt-fressen und wachsen.
Das Zuhause der Baby-Wespe ist 1,5 bis 2,5 Zentimeter groß. Das klingt vielleicht klein, aber wenn ihr bedenkt, dass die erwachsene Wespe nur 2 bis 3 Millimeter groß war, ist das ziemlich beeindruckend. Und die Larve in der Galle hat einiges an Platz.
Wie sieht das Heim der Larve genau aus?
Die Größe und Form der Galle erinnern mich ein bisschen an einen kleinen Flummi (obwohl die Galläpfel nicht so springen können wie einer). Von der Größe sicher auch vergleichbar mit einer Kirsche. Doch die Galle heißt GallAPFEL; weil sie so fruchtig und farbig wie ein reifer Apfel aussieht. Anfänglich ist die Galle noch hellgrün und wird mit der Zeit gelblich und dort, wo die Sonne sie anscheint, rot.
Ich meine auch beobachtet zu haben, dass die alten Gallen wie ein verrottender Apfel bräunlich werden.

Aber wenn die Gallen so saftig aussehen, warum werden sie dann nicht von allen möglichen Tieren gefressen?
Ein Stoff, der sich in den Gallen befindet, ist Gerbsäure. Diese Säure macht den Gallapfel sehr bitter und so nicht sehr schmackhaft für die meisten Tiere.
Zudem ist die Larve im inneren durch die Gallenwand geschützt. Das dicke, aber weiche, schwammige Gehäuse der Galle. Außen ist die Gallenwand glatt. Gelegentlich auch mit Knubbeln. Im Kern der Galle gibt es eine kleine Kammer, in der sich die Larve befindet.
Wenn die Zeit kommt, erwachsen zu werden, verpuppt und verwandelt sich die Larve. Wie eine Raupe zum Schmetterling wird, wird die Larve zur Wespe.
Wenn sie ihre Verwandlung abgeschlossen hat, beißt sie sich bis zur Gallenwand durch, bricht aber noch nicht aus. Kurz vor der Freiheit dreht sie wieder um und kriecht zurück in ihre Kammer. Oft hat sie schon im Oktober diesen Gang genagt. Trotzdem bleibt sie weiter in ihrer Galle und wartet auf für sie gutes Wetter, um in das Freie zu ziehen. Was sie als den richtigen Zeitraum einschätzt, kann irgendwann zwischen November bis in den März sein.
Dann kriecht sie durch den Durchgang und öffnet ein kleines Loch aus dem Gallapfel, durch dass sie den Ort verlässt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hat.
Der Feind des Kindes
Doch bevor wir uns der erwachsen gewordenen Wespe widmen, schauen wir noch welche Gefahren dem Kind in ihrer so vermeintlich sicheren Festung drohen.
Viele Tiere fressen die ganzen Gallen nicht, weil sie bitter sind. Trotzdem hat die Larve einen Feind: Parasiten.
Es gibt andere Gallwespen, die ihre Eier nicht in die Blätter der Eiche legen, sondern in die Gallen, so dass ihre Babys statt denen der Eichengallwespe den Gallapfel als ihr Zuhause haben. Manche Wespen stechen mit ihrem Ovipositor sogar durch die Gallenwand direkt in die Larve.
Ihre parasitären Larven schlüpfen dann in „unsere“ Larve und fressen sie von innen auf.
So brutal das auch ist, es ist wiederum gut für die Eichen. Dadurch wird verhindert, dass sich die Eichengallwespen so viel vermehren, dass sie ein großes Problem für die Eichen werden.
Ihr könnt Gallen, die von Parasiten befallen sind, ganz gut erkennen. Die Oberfläche der Gallen ist dann mit mehr Knubbeln bestückt.
Einsame Mutter

„Unsere“ Larve hat es zum Glück ins Erwachsenenalter geschafft, ohne verdrängt oder gefressen zu werden.
Doch „unsere“ Eichengallwespe sieht anders aus als ihre Eltern. Sie ist mit ca. 4 Millimeter fast doppelt so groß wie ihre Erzeuger. Außerdem ist ihr ganzer Körper einheitlich schwarz-braun gefärbt und behaart.
Auch was Kinderkriegen angeht, macht sie es nicht wie ihre Eltern. Irgendwann im Winter verlässt sie ihre Galle und macht sich auf den Weg, selbst Kinder in die Welt zu setzen.
Doch sie sucht sich kein Männchen zum Paaren. Sie würde auch keines finden. Denn alle Wespen, die aus Galläpfeln schlüpfen sind weiblich.
Sie ist dazu in der Lage, Kinder ohne einen Partner zu kriegen. Das nennt man Parthenogenese= Jungfernzeugung.
Die Wespe macht sich also auf den Weg, einen guten Platz für die Ablage ihrer Eier zu finden.
Und auch sie begibt sich dafür zu einer Eiche. Im Gegensatz zu der Wahl ihrer Mutter, sucht sie sich keine Blätter als Herberge für ihre Eier. Im Winter wären diese ohnehin schwer an den Eichen zu finden.
Stattdessen legt sie ihre Eier in schlafende Knospen ab. Schlafende Knospen sind Punkte unter der Rinde einer Pflanze, aus denen Blätter und Äste wachsen können. Am liebsten legen die Eichengallwespen ihre Eier in schlafende Knospen direkt im Baumstamm ab. Es kommt jedoch auch vor, dass sie sie in Zweige legen.
Das Eiablage erfolgt so, indem sie mit ihrem Ovipositor in die schlafende Knospe sticht und ein Ei hinterlässt. Und auch hier bildet sich danach eine Galle. Aber kein Gallapfel.

Die Gallen, die hier entstehen sind deutlich kleiner. Nur rund 1 bis 3 Millimeter groß. Also so groß wie die Wespen, die später aus den Gallen schlüpfen. Sie sehen ein bisschen aus wie Knospen. Sie sind oval, unten breiter als oben, haben oben aber eine Rundung, keine Spitze.
Die Gallen fangen mit einer roten Färbung an und werden tief dunkelviolett je mehr Zeit ins Land streicht. Zusätzlich sind sie dicht, samtig behaart. Ich persönlich hatte noch nicht das Glück, diese Gallen in echt zu sehen, aber auf Bildern sehen sie sehr weich aus.
Zu finden sind diese Gallen wohl von April bis Mai.
Der fortwährende Kreislauf
In der Galle funktioniert es ähnlich wie in dem mir deutlich bekannteren Gallapfel.
Es gibt eine Larven-Kammer, in der die Larve schlüpft und heranwächst, bis sie groß genug ist sich zu verpuppen. Im Mai/Juni befreit sie sich aus der Galle.
Die Tiere, die hier aus den Gallen fliegen, sind die Eichengallwespen, die wir vom Anfang kennen. Kleinere zweigeschlechtliche Wespen mit braunen Beinen, die sich dann einen Partner suchen, mit dem sie dann die nächste Generation der größeren, komplett schwarzen, nur weiblichen Wespen zeugen können.
Diese Wespen legen dann wiederum ihre Eier allein im Winter ab.
Und so läuft es jedes Jahr- wieder und wieder.
Das ist der Zyklus die Eichengallwespe Cynips quercus folii.

Beitrag und Zeichnungen von Jaro Haggége, Teilnehmer des FÖJs 2025/26 in der Waldschule Bucher Forst
Quellen:
H. Bellmann, M. Spohn, R. Spohn; 2018; „Faszinierende Pflanzengallen“; Quelle & Meyer Verlag GmnH & Co.
David Streeter, Richard Lewington; 1994; „Entdeckungsreise in die Welt der Eiche“; Kinderbuchverlag Luzern
Heiko Bellmann; 2009; „Der neue Kosmos Insektenführer“; Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart
Dieter Scholz; 22.09.2025.; „So schädlich ist die Eichengallwespe“; Forst Praxis;
Ecosostenibile; 27.01.2023; „Cynips Quercusfolii“; Un Mondo Ecosostenibile
Marian J. Giertych, Andrzej M. Jagodzinski, Piotr Karolewski; 2013; „Spatial distribution of Cynips quercusfolii (Hymenptra: Cynipidae) galls on leaves and within the crowns of oak trees“;
Dr. Walter Rammner, Volk und Wissen Verlags GmbH 1947, Sammelbücherei Serie F Band 1„Verborgenes Leben“


